»Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum hat der Mensch die Freiheit und die Fähigkeit, seine Reaktion zu wählen. In diesen Entscheidungen liegen unser Wachstum und unser Glück.«
Viktor Frankl

Als Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 dem italienischen Verteidiger Marco Materazzi den berühmt-berüchtigten Kopfstoß verpasste, war ihm die Erkenntnis Viktor Frankls nicht zugänglich. Zu aufgeheizt die Atmosphäre im Stadion beim Spielstand von 1:1 in der 116 Minute, zu groß der Druck der Fans, zu weit fortgeschritten der Grad der eigenen Erschöpfung. Was auch immer Materazzi konkret gesagt hatte – angesichts der zugespitzten Stimmung konnte Zidane den Raum der Freiheit zwischen Reiz und Reaktion nicht mehr nutzen; die Folgen sind bekannt: Zidane bekam die rote Karte, Frankreich verlor die WM im anschließenden Penalty-Schießen – der einzig wirklich große Makel, der an der Karriere des Weltfußballers hängenblieb.

Führungskräfte sind heute in ihren Emotionen extrem gefordert

Lockdown, Arbeitslosigkeit, gestörte Lieferketten, Delta-Variante, Arbeitskräftemangel in fast allen Branchen, Belegschaftsspaltung in Impfgegner und -befürworter, Ukrainekrieg, extreme Materialpreisschwankungen, Energiekrise, Inflation – und Angst.

Der disruptive Wandel seit März 2020 fordert Führungskräfte in ähnlicher Weise, wie Zinedine Zidane im WM-Endspiel: Die Grundstimmung ist von Unsicherheit wie auch Angst geprägt, der Druck als Führungskraft erfolgreich zu bestehen massiv größer geworden. Nach all den Unwägbarkeiten der letzten Jahre ist bei vielen Führungskräften die Erschöpfung groß.
Folglich sind Führungskräfte heute im Umgang mit ihren Emotionen mehr gefordert denn je. Insbesondere »negative« Gefühle wie Angst, Wut und Trauer dringen immer mehr in den beruflichen Alltag ein und werden oft zur Bremse von Zusammenarbeit und Innovation. Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger »positive« Gefühle wie Interesse, Neugier und Freude bei sich selbst und im eigenen Team zu mobilisieren und damit energievoll und gemeinsam zu neuen Themen und wichtigen Projekten aufzubrechen.

Emotionale Kompetenz ist heute mehr denn je businessrelevant!

Der Umgang mit Gefühlen und die Ausbildung emotionaler Kompetenz ist daher nicht nur »nice to have«, sondern wird in zunehmendem Ausmaß zum Schlüssel für nachhaltigen Unternehmenserfolg. Schon 2006 konnte eine Studie der Hay Group nachweisen, dass deutliche Unterschiede im Finanzergebnis durch den Grad der emotionalen Kompetenz in den Führungsteams der jeweilig untersuchten Unternehmen erklärt werden konnten. Jene Firmen, deren Führungskräfte ein besonders hohes Maß an emotionaler Kompetenz aufweisen konnten, schnitten bei den Umsatz- und Gewinndaten um 30% besser ab, als jene, bei denen ein besonders geringes Maß vorherrschte.

Was können Sie als Führungskraft also tun? Im Folgenden stellen wir Ihnen drei konkrete Tools vor, mit denen Sie mittels Präsenz, Selbstreflexion und Feedback eines Tests ganz konkret an Ihrer emotionalen Kompetenz arbeiten können.

Viel Spaß und Erfolg dabei! Denn: Die Arbeit an sich – ist die Arbeit an sich!

Tool 1: Gefühle zum Denken nutzen

Gefühle liefern uns Energie; sie sind gleichermaßen Motor und Bremse unseres Handelns. Sie schaffen unsere Denkhierarchien, fokussieren unsere Aufmerksamkeit und ziehen wie ein Magnet Gedanken an oder stoßen sie ab. Letztlich sind es fünf Grundgefühle, die unsere Energie ausmachen: Angst, Wut, Trauer, Neugier/ Interesse und Freude. Entscheidend ist, dass diese fünf Grundgefühle uns auch wertvolle Information für kluges Handeln liefern können.

Der erste Schritt besteht darin, die eigenen Emotionen wahrnehmen zu können – und dies auch zu wollen.

Erforderlich ist, sich immer wieder Raum hierfür zu nehmen und sich bewusst mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Entweder unmittelbar nach einem Meeting, in dem Sie eine gewisse Aufregung verspürt haben, oder auch regelmäßig 10 Minuten am Abend, um mittels Selbstreflexion mit Notizen die emotionale Selbstwahrnehmung zu schärfen, indem Sie sich zwei Fragen stellen:

  • Welche Gefühle verspüre ich jetzt gerade? Was sagen mir diese Gefühle?
  • Welches waren die Hauptgefühle, die ich heute verspürt habe? Was sagen sie mir?

Das Tool »Gefühle zum Denken nutzen« stellt Ihnen ein Raster zur Verfügung, wie Sie bei einer solchen Selbstreflexion aus ihren Gefühlen möglichst hilfreiche und kluge Handlungsimpulse ableiten können.

Tool 2: Zonen der Stabilität

Das Selbstreflexionstool »Stabile Zonen« stellt Ihnen mehrere Fragen, welche die eigenen Ressourcen für persönliche Stabilität und Identität verdeutlichen. Insbesondere in Situationen großer Unsicherheit bzw. wenn sich ein Gefühl der Überforderung breit macht. Stabile Zonen hängen eng mit der eigenen Identität zusammen und steuern unser Handeln.

Durch die Nutzung dieses Tools stärken Sie Ihr Bewusstsein für ihre eigenen Identitätsmerkmale und entdecken, dass nur Sie selbst Verantwortung dafür haben, Ihre Identität gleichermaßen zu entwickeln, wie zu schützen; und dass es dafür Räume braucht – Zonen der Stabilität eben.

Diese Zonen der Stabilität können sein:

Die konkrete Fragestellung zur Erkundung der eigenen Zonen der Stabilität finden Sie anbei.

Tool 3: Die inneren Antreiber erkunden

Persönliche Antreiber oder verinnerlichte Anweisungen sind selbst auferlegte »Gebote«, denen wir – beinahe zwanghaft – folgen. Sie machen uns erfolgreich, können uns aber auch in eine Gesundheitsfalle führen.

Antreiber wirken vor allem in Stress- oder Extremsituationen. Gerade unter Stress kann einen der Antreiber in eine selbstverstärkende Schleife führen. So wird es immer schwieriger aus dem Muster »auszusteigen«.

Das Modell innerer Antreiber kommt aus der Transaktionsanalyse. Darunter versteht man elterliche Forderungen, mit denen konventionelle, kulturelle und soziale Vorstellungen verbunden sind.

Als Eltern-Gebote haben diese Botschaften für Kinder einen Absolutheitscharakter, der nicht angezweifelt wird, denn ihre Nichteinhaltung könnte zur Folge haben, nicht mehr geliebt zu werden. Erst im Erwachsenenalter haben wir die Möglichkeit zu erkennen, dass es Alternativen zu den elterlichen Botschaften gibt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Botschaften jedoch schon stark im Unterbewusstsein verankert. Unbedacht versuchen wir daher auch als Erwachsene, im Privat- wie im Berufsleben die Forderungen der Gebote zu erfüllen, als ob wir unter einem geheimen Zwang ständen.

Mit Hilfe des nachfolgenden Online-Tests können Sie Ihre Ausprägung der einzelnen Antreiber herausfinden. Stark ausgeprägte Antreiber (ab ca. 30 Punkten) können eine Eigendynamik entwickeln und kontrollieren so immer stärker unsere innere Einstellung und Verhalten: Man treibt sich selbst immer stärker an, um zu mehr Erfolg und Anerkennung zu kommen. Hierbei bedingt man allerdings meist nur noch mehr Stress (bei sich und anderen), und somit das Gegenteil von dem, was man sich erhofft.

Über einer Höhe von ca. 40 Punkten können sich Antreiber sogar gesundheitsgefährdend auswirken.

Reflexionsaufgabe zu Ihrem Testergebnis: Nehmen Sie sich die 1-2 am stärksten ausgeprägten Antreiber heraus und fragen Sie sich: Wo hilft mir dieser Antreiber bei meiner Führungsarbeit? Wo schadet er mir eher? Was muss ich tun, um den Antreiber für mich nutzbar zu machen?

Link zum Antreibertest: jenswallenhorst.de/antreiberintro